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Unser Profit oder das vermeintlich Gute am Widerstand

Zwei gleich große und gleich starke Personen stehen einander gegenüber. Die Hände befinden sich seitlich in Schulterhöhe, die Handinnenflächen zeigen nach vorne. Aufgabe ist es, den Anderen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Unvermittelt klatscht der Eine gegen die Handflächen des Anderen. Dieser schwankt und muss einen Ausfallschritt machen, um nicht um zu kippen. Umgekehrt findet die Übung in gleicher Weise statt. So sehr die Beiden sich auch mühen, es gelingt keinem, sein Gleichgewicht zu behalten. Erst der Lehrer zeigt, wie es zu bewerkstelligen ist: wir müssen uns ganz auf unsere Schultern konzentrieren, loslassen, alle Spannung herausnehmen. So federn die Arme den Druck einfach ab, wir behalten unser Gleichgewicht und machen die Erfahrung, dass Druck von außen nur durch unseren Gegendruck eine Bedeutung bekommt.

Durch die Art unserer Beziehungsaufnahme entscheiden wir, ob wir aus dem Gleichgewicht kommen oder nicht.

Doch warum gelingt es den Menschen in dem Beispiel nicht aus sich heraus?

Können sie ihr Gleichgewicht nicht behalten oder wollen sie es nicht?

An dieser Stelle kommen wir nicht umhin zu konstatieren, dass wir uns äußeren Einflüssen gegenüber in einer bestimmten Wiese immer gleich verhalten. Eine  Weise, die wir im Zuge unserer Entwicklung selbst determiniert haben.

Auf der Wiese vor dem Haus seiner Eltern spielt ein Junge von acht Jahren ausgelassen Fußball mit seinen Freunden. Er ist glücklich und bringt sein Glück zum Ausdruck, indem er herumtollt und alle ihm bekannten Schimpfwörter lustig in die Welt hinausschreit. Seine Mutter steht am Fenster und hört mit. Getrieben von der unbestimmten Furcht als schlechte Mutter zu gelten und beseelt von der Vorstellung „Wenn er es jetzt nicht lernt, dann lernt er es nie“, nimmt sie ihren Sohn aus dem Spiel und bestraft ihn hart mit den Worten: „ Was sollen denn die Nachbarn denken“.

Vor dem Hintergrund ihres eigenen Selbstbildes, sie hält sich für eine schlechte Mutter und ist oft mit der Erziehung überfordert, gestaltet sie ihre Beziehung zu ihm mit erzieherischem Druck. Dieser steigt in dem Maße, in dem der Junge seinerseits Gegendruck erzeugt, um sich in seinem kindlichen Autonomiebestreben bewahren zu können. Mit der Zeit entwickelt er Werte, die denjenigen seiner Eltern entgegenlaufen. Er tut genau das Gegenteil von dem, was sie von ihm wollen oder verharrt in stiller Rebellion. Langsam aber stetig richtet er sich ein im dagegen Sein und macht  die unbewusste Erfahrung, dass ihm dieses Verhalten Orientierung gibt. Im dagegen Sein weiß er, wo er hin gehört.

Da dieses System funktioniert, gibt es keinen Anlass für den Heranwachsenden, etwas daran zu verändern. So lebt er dieses Verhaltensmuster auch als Erwachsener emsig weiter und jedes Mal wenn ihn jemand reglementiert, wenn ihn beispielsweise sein Chef auf einen Fehler hinweist, rebelliert er dagegen in ähnlicher Weise. Leider ist ihm dabei nicht deutlich, dass er eigentlich immer gegen die Mutter trotzt.

Was aber würde geschehen, wenn der zum Mann gereifte Junge sich anders verhielte?

Was würde passieren, wenn er auf Druck oder Reglementierung nicht mit Gegendruck oder Rebellion reagierte sondern vielleicht mit Neugier?

Nun, er müsste doch zuerst das System, in dem er sich eingerichtet hat verlassen, Neuland betreten, ein Risiko eingehen. Das Muster besagt doch: „Wenn ich nicht gegenhalte, komme ich zu kurz“, oder „ Ich darf keine Schwäche zeigen, sonst verliere ich“. Er wüsste wirklich nicht was passiert, denn er hat ja hier keine Erfahrungen, auf die er zurückgreifen kann und er geht davon aus, dass das Bild stimmt, welches er von der Welt hat.

Er würde dieses Risiko nicht eingehen, nein, er würde alles dafür tun, diesen Konflikt, diese Aufregung zu vermeiden.

Unsere Verhaltensmuster sind selbsterhaltend. Unbewusst bemühen wir uns nach Kräften, sie zu füttern und zu pflegen. Was wir davon haben, unser Profit, liegt auf der Hand: wir brauchen kein Risiko einzugehen, keinen inneren Konflikt auszuhalten, keine Aufregung zu ertragen. Leider können wir auch nicht die Erfahrung machen, dass das Bild, welches wir uns von der Welt machen, vielleicht doch nicht stimmt. Vielleicht ist sie viel schöner als wir mutmaßen, vielleicht könnten wir viel glücklicher sein.

 

Rolf Krüger im März 2008