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Lob Und Kritik

Wir sind selbst verantwortlich für unsere Hilflosigkeit, für unsere Vereinsamung. 

Wir müssen lernen, uns wieder auf die Welt zu beziehen, lernen, das anzunehmen, was für uns ist.

Wir sind keine Opfer. Alles, was uns andere Menschen entgegen bringen, initiieren wir auch aus uns heraus.

Wie du in den Wald rufst, so schallt es heraus.

Andere Menschen sehen uns, nehmen uns wahr und manche melden uns ihre Wahrnehmung zurück. Ob Lob oder Kritik, wir neigen dazu, an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln. In der Regel wissen wir es besser, wir glauben, uns besser zu kennen. Doch sehen wir uns selbst immer durch den Filter unserer (selbst)Zweifel. Die Wahrnehmung der Anderen aber ist weit näher an der Realität als unsere eigene.

Auf ein: „Du siehst gut aus heute“, reagieren wir vielleicht mit einem: „Das kommt vom Solarium“ oder: „Mir geht es doch so schlecht“. Selten entgegnen wir: „Danke, ich freue mich über die Rückmeldung“. Wenn uns Lob entgegen gebracht wird, mutmaßen wir häufig den Tatbestand des Einschleimens. Wir unterstellen entweder eine Manipulation oder schlicht eine verquere Wahrnehmung. In jedem Fall beschäftigen wir uns lieber mit unseren Zweifeln, als mit dem Gesagten oder dem Menschen. Wir sollten uns aber, wenn uns etwas Derartiges entgegen gebracht wird, auf denjenigen beziehen, der es tut. Es ist doch unsere Entscheidung, ob wir etwas für uns nehmen wollen, unabhängig davon, wie wir meinen, dass es gemeint ist. Wenn wir jedoch darauf beharren, dass wir es besser wissen, können wir nicht erkennen, was wirklich für uns ist. Wir lernen stattdessen, uns an dem zu orientieren, von dem wir glauben, es sei gegen uns.

 

Doch wie können wir lernen, Lob und Kritik anzuerkennen und anzunehmen?

In dem Moment, in dem wir eine persönliche Rückmeldung erfahren, entsteht in uns eine kurze Erregung. Wir sind gerührt, verlegen, gekränkt oder enttäuscht. In diesem Zustand wollen wir uns jedoch nicht haben. Wir reagieren abwehrend. Wir relativieren, rechtfertigen uns oder machen andere Umstände für unseren Zustand verantwortlich. In dieser kurzen Erregung aber findet ein wichtiger Teil unserer Lebendigkeit statt, finden wir statt. Hier sind wir getroffen, gemeint, fühlen uns gesehen oder missachtet, geliebt oder abgelehnt.

 

Wir müssen lernen, inne zu halten und dieser Erregung Raum zu geben, sie als Eigenes zu identifizieren. Erst dann können wir bewusst entscheiden, ob wir ihr folgen wollen oder nicht.

 

 

Rolf Krüger im Juli 2008