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Die Geschichte mit der Bratpfanne

Einst saß ein Herr in einer Stunde der Muße gemütlich auf seiner Couch, als er unvermittelt den dringenden Wunsch nach Spiegeleiern verspürte. Je mehr er sich in den Gedanken vertiefte, desto stärker drängte es ihn nach Befriedigung dieses kulinarischen Bedürfnisses und nach ein paar Sekunden lief im bereits das Wasser im Munde zusammen. Er beschloss, dieses Ansinnen unverzüglich in die Tat umzusetzen. Dem Herrn, erfahren und beschlagen in planerischem Handeln, wurde sogleich deutlich, dass sich die nötigen Eier zwar im Kühlschrank befanden, sein gesamtes Kochgeschirr jedoch noch in einer Umzugskiste irgendwo im Keller, er war kürzlich erst in diese Wohnung eingezogen. Unter dem Druck des Bedürfnisses und in Ermangelung einer Bratpfanne fand der Herr die Lösung seines Problems: der Nachbar aus dem ersten Stock. Von ihm wollte er sich eine Pfanne ausleihen. Man war sich bereits mehrere Male im Treppenhaus begegnet und hatte sich höflich, mit vorsichtiger Zurückhaltung begrüßt. Beseelt von der baldigen Lösung seines Problems machte sich der Herr auf den Weg. Eine Aufregung bemächtigte sich seiner, eine Aufregung, die ihn stets beschlich, wenn ein Kontakt zu einem ihm unbekannten Menschen anstand. Er versuchte sich zu beruhigen, indem er an die Spiegeleier dachte und sich vorstellte, der Nachbar sei bestimmt ein hilfsbereiter, freundlicher Mann. Er erinnerte sich an ihre letzte Begegnung. Ihm war, als hätte der Nachbar ihn ein wenig zu neugierig angesehen aber das war doch bestimmt nur Einbildung, oder? Und doch, bei genauerer Beschau lag in dieser Neugier sogar eine gewisse Distanzlosigkeit, ja man könnte sogar so etwas wie Unverschämtheit hineininterpretieren. Und überhaupt, hatte der Nachbar nicht letztens beim hinein Gehen die Haustür zufallen lassen, obwohl er doch eigentlich gesehen haben musste, dass der Herr auch hinein wollte, so eine Frechheit. Wie man sich doch in den Menschen täuschen kann. Und das ist bestimmt nur die Spitze des Eisbergs. Dieser Nachbar ist wahrscheinlich ein ganz übler Zeitgenosse. Vertieft in diese Gedanken und innerlich unflätig fluchend, befand sich unser Herr unvermittelt vor der Wohnungstür seines Nachbarn und klingelte. Als dieser öffnete, brüllte unser Herr ihn an: „Behalten Sie doch ihre blöde Bratpfanne“.

Ja, es ist so leicht, sich zu einem Opfer zu machen, seinen Vorstellungen Raum zu geben, bis sie Wirklichkeit werden. Doch es ist nur die rein subjektive, innere Wirklichkeit, die mit der äußeren Realität rein gar nichts zu tun hat. Es ist alles nur ausgedacht. Doch was hat der Herr davon? Die Crux ist seine Aufregung. Sie verunsichert ihn, am liebsten wollte er nichts mit ihr zu tun haben, doch sie ist Teil von ihm, verdammt. Wenn er sich mit seiner Aufregung lassen würde, dem Nachbarn so begegnen würde, ganz sicher bekäme er die Bratpfanne. Doch er zieht es vor, seinen Vorstellungen zu folgen. Dass er dabei sein Ziel verfehlt lässt sich verschmerzen, schließlich ist ja der Nachbar der Unhold.

Vom rein pragmatischen Standpunkt aus betrachtet ist ein solches Veraltensmuster äußerst unpraktisch: Unser Herr kann zwar die verhasste Aufregung besiegen, doch die Eier bleiben ungebraten. Leider erfährt er auch nicht: Was ist der Nachbar überhaupt für ein Mensch? Wie reagiert er, wenn er mich unsicher erlebt? Nimmt er es überhaupt wahr? Hat er absichtlich die Tür zufallen lassen? Mag er Spiegeleier? Vermeidend gestaltet der Herr in unserer Geschichte die Beziehung zu seinem Nachbarn. Dummerweise gestaltet er in gleicher Weise auch die Beziehung zu seinem Bedürfnis. In jeder Hinsicht geht er leer aus. Wenn er allen Menschen so begegnet muss er ein einsamer Mensch sein.

Rolf Krüger im August 2008