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Die Beziehungsebene

Kennen Sie das nicht auch, Sie wachen morgens auf mit einem Gefühl des Unwillens, des Widerstandes aufzustehen und das Tagwerk zu beginnen? Selbstdiszipliniert wie Sie sind, stehen sie trotzdem auf, überwinden Ihre Widerstände und sitzen eine Stunde später schlechtgelaunt im Büro. Doch schon nach wenigen Stunden stehen Sie bester Dinge in ihren alltäglichen Verrichtungen. Es hat eine Veränderung stattgefunden. Doch wie? Ist das ein Zufall? Sind wir Spielbälle irgendwelcher äußeren Umstände?

Nein. Wir besitzen die Fähigkeit, unsere Stimmungen zu beeinflussen. Leider ist uns diese Fähigkeit nicht bewusst, wir haben keinen Zugriff darauf. Das ist deswegen bedauerlich, da wir durch unsere Stimmungen determinieren, mit welcher Kraft und Klarheit wir unseren Alltagsgeschäften begegnen. Mit schlechter Laune können wir schwerlich erfolgreich sein.

Es erscheint allenthalben sinnvoll, die Fähigkeit zur Veränderung unserer Stimmungen in unsere Verfügungsgewalt zu holen.

Dazu benötigen wir folgendes Rüstzeug:

  • wir müssen realisieren, dass in einer bestimmten, persönlichen Situation eine Veränderung unserer Stimmung stattgefunden hat

  • wir müssen die Stimmung identifizieren

  • wir müssen lernen wahrzunehmen, wie wir die Veränderung herbeigeführt haben

  • wir müssen lernen dieses Wie zu reproduzieren, es uns verfügbar zu machen

  • wir müssen das Wie instrumentalisieren, d.h. eine Verhaltensalternative entwickeln, die auf beliebige Situationen, z.B. auf berufliche übertragbar ist

Lassen Sie mich Ihnen an dieser Stelle ein Beispiel geben:

Stellen Sie sich vor, sie befänden sich gut gelaunt bei einem Einkauf im Supermarkt. Sie stehen an der Kasse, zwei Kunden stehen noch vor Ihnen. Sie bemerken, dass die Kassiererin die Kunden abfällig behandelt. Sie sind empört und lamentieren innerlich über die Dienstleistungswüste Deutschland. Sie überlegen sich zwei Verhaltensalternativen wenn Sie an der Reihe sind: entweder Sie strafen die Kassiererin mit Ignoranz, oder Sie lassen sie Ihre Empörung spüren. Sie entscheiden sich für die zweite Alternative und weisen die Kassiererin zurecht als diese in gleicher Weise mit Ihnen verfährt. Sie reagiert ihrerseits mit Empörung und pocht innerlich auf ihr Recht auf schlechte Laune, zumal sie schließlich gerade einen unerfreulichen Streit mit ihrem Filialleiter hatte. Sie wiederum reagieren auf eine derartige Uneinsichtigkeit mit Kränkung und Unverständnis, verlassen den Supermarkt, beschließen, dort nie wieder einzukaufen und tragen die Kränkung noch stundenlang mit sich herum. Kennen Sie das?

Dummerweise binden wir in der Kränkung nicht nur viel Energie sondern wir binden uns auch an den vermeintlichen Auslöser, wir machen uns abhängig.

Wir fühlen uns irgendwie beeinflusst und machen dies dem Anderen zum Vorwurf.

Doch treffen wir die Entscheidung, einer Kränkung zu folgen, ihr Raum zu geben oder auch nicht, unbewusst immer selbst. Es gilt also, diese Entscheidung zurückzuholen in die bewusste Verfügungsgewalt.

Voraussetzung hierfür ist, dass wir uns darauf trainieren, unsere Kränkung als solche zu identifizieren. Erst wenn wir den emotionalen Stich wie im oben genannten Beispiel bewusst bemerken, entsteht Entscheidungs- und Handlungsspielraum und zwar bevor wir reagieren. Denn reagieren bedeutet immer, die Gestaltung der Beziehung dem Anderen zu überlassen. Dann sind wir in der Lage, mit unserer Erregung innezuhalten, und der Kassiererin beispielsweise so zu begegnen: „Was ist Ihnen über die Leber gelaufen?“. Vielleicht wird die Kassiererin verlegen oder sie rechtfertigt sich und wehrt ab, vielleicht fühlt sie sich auch gesehen und verstanden. In jedem Fall findet ein Moment persönlichen Kontaktes statt. Wir können die Erfahrung machen, dass unsere Kränkung so schnell verschwindet, wie sie gekommen ist.

Wir haben dafür gesorgt und vielleicht werden wir einen schöneren Tag haben.

Rolf Krüger im August 2008