Index » Texte » Die Beziehung

Die Beziehung oder der Kontakt zur Welt

Die Gruppe wird aufgeteilt in Untergruppen zu je drei Personen, die alle etwa gleich stark und gleich schwer sind. Zwei aus jeder Untergruppe schieben ihre Hände unter die Achseln des Dritten und heben ihn mit Leichtigkeit hoch.

Im zweiten Teil der Übung visualisiert der Dritte, er sei ein Baum, der tief in der Erde wurzelt. Er lässt sich ganz auf diese Vorstellung ein, nimmt sich Zeit dabei. Die anderen Beiden sind jetzt nicht mehr in der Lage, ihn in gleicher Weise hoch zu heben, so sehr sie sich auch mühen. Alle sind überrascht und verwirrt, ja sie mutmaßen Übersinnliches.

Dabei handelt es sich hierbei um einen recht einfachen Sachverhalt:

Durch die Art meiner Beziehungsaufnahme zu dem, was mich umgibt gestalte ich Realität.

Um diese Aussage verstehen zu können, müssen wir uns erst einmal von der gängigen Definition von Beziehung lösen:

 

Wir verstehen unter Beziehung in der Regel eine auf Partnerschaft oder Freundschaft bezogene Art des Miteinader. Wir orientieren uns dabei an einer eigenen Wertvorstellung, die beschreibt, wie eine bestimmte Beziehung eigentlich sein sollte und richten unser Verhalten danach aus. Wir sind glücklich, wenn die Beziehung mit unserer Vorstellung, unserer Erwartung übereinstimmt, wenn sie sich davon zu weit entfernt sind wir gekränkt, ja stellen die Beziehung in Frage. In unserer Vorstellung funktioniert Beziehung immer derart, dass der Beziehungspartner die Pflicht hat, für die Befriedigung unserer Bedürfnisse zu sorgen. Wenn dieser Fall eintritt sind auch wir bereit, das Gleiche für ihn zu tun. Beziehung ist für uns nichts anderes als ein Handel, der sich im Wesentlichen in unserem Kopf abspielt.

Nehmen wir einmal an, Beziehung wäre keine Vorstellung sondern eine aktive, gestaltende Handlung, mit der wir uns auf das beziehen, was uns umgibt:

 

Die Art wie ich das Weinglas anfasse, aus welchem ich trinken will, tue ich es mit Gefühl oder tue ich es achtlos?

Die Art wie ich mit einem Vorschlag eines Freundes umgehe, greife ich ihn auf oder mache ich einen Gegenvorschlag?

Die Art wie ich einem Kompliment begegne, lasse ich es zu und zeige mich vielleicht mit meiner Verlegenheit oder will ich nichts damit zu tun haben und weiß es besser?

Die Art wie ich mit einem Vorwurf umgehe, rechtfertige ich mich, setze ich einen Vorwurf dagegen oder entwickele ich Verständnis für die Situation des Andern?

Nehmen wir einmal an, Beziehung würde dadurch stattfinden, dass wir uns auf Äußeres beziehen, so kämen wir nicht umhin, uns folgende Fragen zu stellen:

 

Wie ist die Art unserer Beziehungsaufnahme zu dem, was uns umgibt?

Wodurch ist sie gekennzeichnet, wodurch wird sie bestimmt?

Um unser Verhalten verstehen zu können, müssen wir uns zu aller erst von jeder Wertung des eigenen Handelns verabschieden. Lösen wir uns also von Begriffen wie richtig und falsch, gut oder schlecht und begeben uns auf eine spannende Reise.

 

Rolf Krüger im Mai 2008